Das Ende der Arbeit wurde schon vielfach prophezeit und gerade wird es unter dem Schlagwort künstliche Intelligenz erneut besungen. Ein guter Moment für einen kleinen Rückblick auf die letzten hundert Jahre der Umstrukturierung und Umverteilung von Arbeit: “Wer fertigt was, mit welchen Mitteln, zu welchem Zweck, in welchem Tempo und auf Basis welcher Technik? Wie ist es heute und wie sollte es sein?” - dies ist eine Grundfrage des Blue Engineering Seminars und vielleicht können die Werkzeuge uns bei ihrer Bearbeitung helfen.
Frauen arbeiten oft unentgeltlich in der Sorge-/Reproduktionsarbeit und vielfach gegen einen viel zu geringen Lohn in der Textilindustrie oder in der Endmontage der Elektroindustrie im globalen Süden. Hier sind unzählige Handgriffe zu verrichten, so dass ihre Arbeiten bislang kaum zu automatisieren sind. Auf absehbare Zeit wird sich dies auch nicht ändern, da der
gar kein Interesse daran hat: Die kostenlose Sorge-/Reproduktionsarbeit soll auch zukünftig von Frauen im Verborgenen getätigt werden, ebenso wie die nötige unterbezahlte Produktionsarbeit, damit Männer im frisch gebügelten Hemd sich ganz ihren hochglänzenden, vollautomatischen Maschinen widmen können.
Ein Schlagwort des Digitalisierungshypes ist die "Gig-Economy". Gemeint sind Dienstleistungen, die Menschen auf Zuruf erledigen, wenn sie Zeit dazu haben und die pro Auftrag abgerechnet werden – vermittelt über das Internet. Arbeit, die ich verrichten kann, wenn es passt, zum Teil sogar von jedem Computer aus – klingt erstmal gut. Doch gegenwärtig konzentriert sich die Macht bei den Vermittlungsplattformen, die oft Monopole für ihren Bereich haben und somit Bezahlung und Rahmenbedingungen jederzeit einseitig verändern können: wo früher starke Betriebsräte und Gewerkschaften die Rechte der Arbeitnehmer_innen vertraten, steckt die Gig-Economy jede_n Lohnempfänger_in in ein
, denn: “Allein, machen sie dich ein!”.
Industrie 4.0, Automatisierung, Digitalisierung, Internet of Things sind keine neuen Katzen, die durchs Dorf getrieben werden. Ganz im Gegenteil, der
für diese Techniken reicht weit zurück: Die vollautomatisierte, menschenleere Fabrik von heute ist der wahrgewordene Traum von vorgestern - eine Fabrik, die endlich ermüdungsfrei, streikfrei und mit planbarer Präzision arbeitet. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs träumten die Militärs und das Management von Rüstungsunternehmen nicht nur, sondern schrieben ihre Träume als Anforderungslisten auf: Höchste Genauigkeit, Planbarkeit und direkter Zugriff durch das Management bei gleichzeitiger Unabhängigkeit von den Fähigkeiten der Arbeitenden. Die Fabrik ohne Menschen ist damit der wahrgewordene Traum des militärisch-industriellen Komplexes der 1950er Jahre.